Prenzlauer Zeitung vom 30.12.2025
Von Harald Melzer
Neue Orgel, großes Himmelfahrtskonzert: Ein emotionaler Einblick in Jürgen Bischofs Engagement und das Programm des Festkonzerts 2026 in der Marienkirche Prenzlau

Jürgen Bischof dirigiert als musikalischer Leiter den Chor und das Preußische Kammerorchester. (Foto: Lisa Martin)
UCKERMARK – Wenn Jürgen Bischof, Direktor der Uckermärkischen Kulturagentur, über Musik spricht, wird seine Stimme warm, fast getragen – und besonders dann, wenn es um die Prenzlauer Marienkirche geht. Für ihn ist dieses Gotteshaus weit mehr als ein Veranstaltungsort. Es ist der Ort, an dem sich sechs Jahrzehnte Kulturgeschichte, Lebensweg und persönliches Engagement zu einem Klangraum verdichten, der ihn nie losgelassen hat. Und so wirkt es fast folgerichtig, dass ausgerechnet hier am 16. Mai 2026, um 19.30 Uhr, ein Festkonzert stattfinden wird, das in seiner Größe, seinem Anspruch und seiner emotionalen Bedeutung kaum zu übertreffen ist. Interessierte scheinen das zu ahnen, denn bis Mitte Dezember wurden für dieses Konzert bereits über 650 Karten verkauft.
Die Szene, mit der alles beginnt, könnte sinnbildlicher nicht sein: Während Bischof im Gespräch die Eröffnungsnummer des Abends beschreibt – Franz Liszts monumentale Fantasie und Fuge Ad nos, ad salutarem undam – in einer Bearbeitung für Orgel und sinfonisches Orchester von Marcel Dupré – verschwindet er kurzzeitig hinter der gewaltigen Partitur. Ein stilles Bild von einem Mann, der seit 1978 musikalisch in dieser Stadt wirkt und der die Marienkirche von einem zugigen, halbdunklen Sandbodenraum zu jenem strahlenden Klangdom hat heranwachsen sehen, der sie heute ist.

Jürgen Bischof, Direktor der Uckermärkischen Kulturagentur, mit der riesigen Partitur des Stücks von Franz Liszt, das am 16. Mai in der Marienkirche in Prenzlau aufgeführt wird. (Foto: Harald Melzer)
Als er damals beeinflusst von den Kulturstädten Erfurt, Leipzig und Weimar kommend nach Prenzlau delegiert wurde, stand die Stadt noch in großen Teilen offen und leer, gezeichnet von Krieg und Abriss. „Man lief auf Sand“, erinnert er sich. Wände feucht, Licht improvisiert, Akustik schwer kontrollierbar. Und doch wurde dort gesungen, weil es geschehen musste – weil Kultur immer beginnt, lange bevor Räume perfekt sind.
Und er erinnert sich an das erste chorsinfonische Konzert nach der Zerstörung der Kirche, welches am 6. Oktober 1990 stattfand. Seitdem hat Bischof Benefizkonzerte für St. Marien dirigiert und organisiert, Chöre aufgebaut, Orchester aus Prenzlau, Frankfurt, Potsdam und Stettin einbezogen und über Jahrzehnte hinweg dafür gesorgt, dass die musikalische und kulturelle Arbeit in Prenzlau nicht nur erhalten blieb, sondern wuchs.
Dass nun ein Festkonzert mit zwei Orgeln, einem Orchester und drei Chören in einer fast vollständig restaurierten Kirche stattfinden kann – mit Gewölbe, klaren Linien, akustischer Tiefe und einer frisch geweihten Hill- Orgel – ist nicht nur für ihn ein Moment von kaum zu überspielender Bedeutung. Man spürt es im leichten Räuspern, im kurzen Innehalten, bevor er wieder in fachliche Begeisterung umschwenkt.

So sah die zukünftige Orgel der Prenzlauer Marienkirche in der Kirche von Kilbarchan aus, demnächst lässt sie ihre Töne in Prenzlau erschallen. (Foto aus dem Buch von Hannes Ludewig)
Der Abend selbst verspricht ein musikalisches Panorama, wie es Prenzlau nur selten erlebt. Das Auftaktwerk Liszts fordert die beiden Orgeln und das Preußische Kammerorchester gleichermaßen heraus. Die im Schiff stehende „Schneider-Orgel“, gespielt von Prenzlaus Kantor Hannes Ludwig und die große Hill-Orgel auf der Empore, gespielt von Weltklasse- Organist Henry Fairs, müssen über enorme Distanz und mit exakt abgestimmter Technik zusammengeführt werden – per Monitor, Spiegel und viel Erfahrung.
Danach vereinen sich drei Chöre: der Chor der Prenzlauer Kantorei von Hannes Ludwig, der Uckermärkische Konzertchor sowie der Akademische Chor der Westpommerschen Technischen Universität Stettin. Sie arbeiten zunächst getrennt, bevor ein gemeinsames Probenwochenende den finalen Zusammenklang ermöglicht. Der Aufwand ist beträchtlich, doch Bischof nimmt ihn mit großer Selbstverständlichkeit: Wer in einer Kirche musiziert, die selbst Klangräume schreibt, müsse sich diesen auch stellen.
Auf dem Programm stehen neben Franz Liszt auch Werke von Louis Vierne, dessen Komposition „Messe solennelle für 2 Orgeln und Chor“ eigens für einen großen Raum geschaffen wurde, der Pariser Kirche Saint-Sulpice, sowie ein festlicher Hymnus von John Rutter, der in deutscher Textfassung erklingen wird. Den Abschluss bildet das kraftvolle „Land of Hope and Glory“ von Edward Elgar – ein musikalischer Bogen, der von französischer Kathedralpracht über britische Festlichkeit bis zur tiefen Klanglichkeit romantischer Chormusik reicht.
Die in St. Marien stehende „Schneider-Orgel“, gespielt von Prenzlaus Kantor Hannes Ludwig, der große Chor und die Hill-Orgel auf der Empore, gespielt von Weltklasse- Organist Henry Fairs, müssen über enorme Distanz und mit exakt abgestimmter Technik zusammengeführt werden – per Monitor, Spiegel und viel Erfahrung.
Zwischen diesen Werken liegt jedoch noch etwas anderes – ein stiller Dialog zwischen Vergangenheit und Gegenwart. Denn Bischof hat die Marienkirche nicht nur genutzt, er hat sie durch Jahrzehnte begleitet: von frühen Benefizaktionen über Orgel- und Gewölbediskussionen bis zu heutigen Feierlichkeiten. Fast beiläufig erwähnt er, wie viele Türen sich damals erst geöffnet haben, weil engagierte Menschen wie der Architekt Olaf Beckert unermüdlich für die Sanierung kämpften. Wie oft man glaubte, ein Projekt müsse scheitern – und wie es dann doch gelang. „Wenn man das über so viele Jahre verfolgt, entsteht eine Bindung“, sagt er. Es klingt leiser, als er sonst spricht.

Im Kirchenschiff wird die Orgel von Helge Schneider von Kantor Hannes Ludwig gespielt werden, während die Hill-Orgel von Weltstar Henry Fairs gespielt wird. (Foto: Harald Melzer)
Vielleicht ist es diese persönliche Geschichte, die das Festkonzert im kommenden Jahr so besonders macht: dass es ein Kapitel abschließt, das 1990 mit Sandboden und spärlichem Licht begann. Und dieses Kapitel soll nicht nur den drei genannten Chören vorbehalten sein. Für das Projekt werden noch chorerfahrene Sängerinnen und Sänger gesucht, die Lust haben, sich für einige Wochen einzubringen und Teil dieses außergewöhnlichen Konzertes zu werden. Wer mitsingen möchte, kann sich bis Mitte Januar bei Jürgen Bischof melden – über die Uckermärkische Kulturagentur (03984/833974) oder direkt auf seinem Handy. Die Proben beginnen zeitnah nach der Anmeldung und können zu den regulären Proben des Konzertchores (Donnerstag 18.30 Uhr ) oder der Kantorei (Mittwochs 19 Uhr) absolviert werden.
Nach diesem Event wird Jürgen Bischof nicht viel Zeit bleiben, um sich auszuruhen. Nach seinem erfolgreichen Gastdirigat im Juli 2025 in Bratislava, folgt er im Juni 2026 erneut einer Einladung zur Leitung eines chorsinfonischen Konzerts in der slowakischen Hauptstadt, unmittelbar danach folgt die Konzertwiederholung in Budapest. Anfang Juli wird es dann unter Bischofs Leitung in mehreren Nachtsitzungen eine CD-Aufnahme des Programms vom 16. Mai und weiterer Werke für Orgel in St. Marien geben.
